Systemische Unternehmensberatung von Hrsg.: Roswita Königswieser, Erik Lang, Ulrich Königswieser, Marion Keil

Anerkennung und viel Kritik

Rezension: Systemische Unternehmensberatung

Hrsg.: Roswita Königswieser, Erik Lang, Ulrich Königswieser, Marion Keil, Verlag Schäffer-Poeschel, 2013
Königswieser & Network GmbH mit Sitz in Wien, ist ein Unternehmen für komplementäre Beratung und Systemische Entwicklung. Als Start auf der Firmenhomepage steht im Sinne einer “Selbstbezichtigung”:  Mit unserem komplementären Beratungsansatz, der Kombination von Fachberatung und Prozess-Know-how auf der Basis der systemischen Haltung, erreichen wir gemeinsam nachhaltigere Ergebnisse.
Mit dem vorliegenden Buch “Systemische Unternehmensberatung” gibt die Beratergruppe tiefe und differenzierte Einblicke in ihr Verständnis ihrer Dienstleistung – so wie es als Angebot und Versprechen auf der Homepage steht. Dafür ist den Autoren großer Respekt und intensive aufmerksame Wertschätzung zu entbieten. Wer sich so intensiv  einem breitem Publikum “offenbart”, schafft nicht nur Transparenz für eigene Ideen und eigenes Handeln sondern bietet auch Angriffsfläche für Kritik. Mit beidem werde ich nicht sparen.
Die Inhalte sind sehr kompakt, differenziert in der Breite und faktisch mosaikhaft vielfältig in der thematischen Tiefe. Insofern lösen die Autoren ein, was sie als “dichte Beschreibung”(S. VI) ankündigen. Das Buch liest sich nicht ‘mal eben schnell und “by the way”.  Hier ist den Autoren zu raten, mehr an den vielleicht etwas unkundigen Leser zu denken, damit kein “kognitives Rauschen” oder irgendwann beim fortschreitenden Lesen des Textes Orientierungslosigkeit  entsteht. Das Buch ist auch anstrengend zu lesen, weil eine Vielzahl von Begriffen angeboten werden, aber nicht immer erklärt oder definiert werden. Als Leser des Buches soll man ja nicht nur das Lesen, was man versteht oder gerne lesen möchte, sondern auch das Neue zur Kenntnis nehmen und verarbeiten, was nicht in den Erfahrungen oder sogar Erwartungen des Lesers liegt. Ich empfehle den Autoren bei jedem Thema im Buch darauf zu achten , dass Tipps für Berater gegeben werden, immer ein Fallbeispiel angeboten wird und immer eine Literaturempfehlung geben wird. Dann hätte an als Leser auch mehr den Eindruck, dass die Autoren Wert auf Vollständigkeit und strukturierter Ordnung in ihrem Themenangebot für den Leser legen.
Als Rezensient bin ich beim Lesen auch hin- und hergerissen worden: was kann ich vertehen, was kenne ich und was will mir das unbekannte Angebot als Lerngegenstand anbieten und als Erkenntnis vermitteln?
Das Buch ist ja kein wissenschaftliches Grundlagenwerk zur systemischen Beratung – wohl aber ein sehr differenziertes Verkaufsprospekt für zukünftige Kunden der systemischen Beratung und der Ausbildung zum systemischen Komplementärberater bei “Königswieser”. Bei aller opulenten thematischen Einzelvielfalt , die angeboten wird, Fehlt dem Leser der “rote strukturierende Faden”. Es entsteht kein stimmiges Gesamtbild, was systemische Unternehmensberatung ist.
Zur Beratergruppe zählen 14 Damen und Herren, mit unterschiedlichen beruflichen Vorerfahrungen, Ausbildungen und jetzigen Tätigkeitsschwerpunkten im “Königswieser-Netzwerk”. Alle Partner haben eine systemische Ausbildung insbesondere eine “Ausbildungsprägung” bei Königswieser.
Im Buch werden wesentliche Themen der systemischen Beratung im Verständnis von Königswieser & Netzwerk vorgestellt. Die zehn Themem zzgl. Vorwort werden unterschiedlich intensiv und unterschiedlich seitenlang präsentiert. Jedes Thema wird von zwei Partnern vorgestellt, so dass  jeder Netzwerkpartner in einem  Thema als Autor mitwirkt.
● – 1  Beraterprofessionalität als Balanceakt
● – 2   Strategie als Orientierung im Organisationsdschungel
● – 3   Organisation als Fundament für bewegliche Strukturen und Prozesse
● – 4   Steuerung als Multitasking-Funktion
● – 5   Führung als Beziehungsarbeit
● – 6   Unternehmenskultur als tragende Welle
● – 7  Kommunikation als konzertierter Dialogprozess
● – 8   Macht als vielfältiges Beziehungsphänomen
● – 9   Kontextreflektion als Operatipnsbasis
● – 10 Der Mensch als Nadelöhr von Interventionen
Aus meinem Verständnis als langjährige Führungskraft und Erfahrungen mit systemischen Beratern, aber auch als Executive Coach und Ausbildern von Coaches auf systemisch-konstruktivistischer Grundlage, kann ich das Buch allen Führungskräften, Beratern und Coachs wirklich sehr empfehlen zu lesen – allerdings mit einer kritischen Grundhaltung zum Text, denn es gibt auch einiges zu kritisieren.
Zukünftigen Lesern würde ich eine andere Reihenfolge des Lesens empfehlen, weil sich dadurch möglicherweise das Erkennen des Inhalts besser erschließt:
● – Vorwort
● – 6  Unternehmenskultur als Tragende Welle
● – 2  Strategie als Orientierung im Organisationsdschungel
● – 9  Kontextextreflektion als Operationsbasis
● – 4   Steuerung als Multitasking-Funktion
● – 7  Kommunikation als konzertierter Dialogprozess
● – 5   Führung als Beziehungsarbeit
● – 10 Der Mensch als Nadelöhr von Interventionen
● – 5   Führung als Beziehungsarbeit
● – 3   Organisation als Fundament für bewegliche Strukturen und Prozesse
● – 8   Macht als vielfältiges Beziehungsphänomen
● – 1  Beraterprofessionalität als Balanceakt
Die Wahl der Reihenfolge der einzelnenThemen hat auch mit der inhaltlichen Qualität der Beträge zu tun.  Im Vorwort schreiben die Verfasser, dass das Buch ein praxisorientierter Theoriesammelband (S.V) sein soll .Und weiter (S. VI) :
“Wir sehen die Welt nicht als eine Sammlung isolierter Teile, sondern als ein lebendiges Netzwerk, in dem alles und jedes jeweils miteinander in Beziehung steht und voneinander abhängt – als eine komplexe Bewegung, bei der alles im Fluss ist, alles ständig entsteht und vergeht.
Obwohl sich das Lebendige permanent verändert und unserem Zugriff, unseren Einordnungsversuchen immer wieder entzieht, kann man auf einer abstrahierenden Metaebene Muster erkennen, Theorien formulieren, Denkfiguren entwickeln, die helfen, die Dynamik zu verstehen, die entsprechenden Phänomene zu erklären und den Überblick zu erleichtern.
Es bleibt die Frage: Was ist relevant? Was ist eine “nützliche” Theorie?
Wodurch unterscheiden sich Alltagstheorien, die man immer im Hinterkopf hat, von wissenschaftlichen Theorien oder von Erfahrungswissen? Solche erkenntnistheoretischen Fragen zu vertiefen würde diesen Rahmen sprengen. Wir verstehen unsere Theorieangebote lediglich als geistiges Rüstzeug – wir suchen nicht nach Wahrheiten und Gesetzen, sondern nach der jeweiligen Bedeutung für unsere Art von Beratung.”
Auch beim mehrmaligen lesen des Textes, kann ich als Leser keine Theorien – außer allgemein Systemtheorie und die soziale Systemtheorie – entdecken. Vielleicht sollten die Autoren über den Begriff “Theorie” und dessen Verwendung im Rahmen der systemischen Unternehmensberatung noch einmal reflektieren.
Mit dieser die eigene Position beschreibende inhaltlichen Festlegung ist aber auch schon ein wesentliches Manko aus meiner Sicht implementiert: alles wird möglich, alles lässt sich legitimieren – und damit erhält der Leser keine in sich orientierende Strukturierung zum Thema “Systemische Bertung”. Mir hat sich aus den Kapiteln nicht erschlossen, was denn inhaltlich die Fachberatung in der komplementären Beratung ist. Als Leser habe ich sie nur als Methodenberatung systemischer Interventionen erlebt – als exemplarische Beispiele nenne ich die balance scorecard aus dem Kapitel ‘Steuerung als Multitasking-Funktion’ und Blue Ocean Strategy aus dem Kapitel ‘ Strategie als Orientierung im Organisationsdschungel’. Hier ist den Autoren zu raten, deutlicher ihr Verständnis zu definieren.
Eine weitere große Irritation für mich als Leser ist der Begriff ‘Systemische Unternehmensberatung”. Im Buch erfährt der Leser so nebenbei, dass das Verständnis der Autoren auf der sozialen Systemtheorie (Niklas Luhmann) basiert. In diesem Zusammenhang erlebt der Leser in allen Kapiteln die zentrale Bedeutung der Kommunikation (Axiom von Luhmann in seiner Systemtheorie) in einer Stärke, als würde sich unternehmerisches Agieren allein auf Kommunikation reduzieren und durch Kommunkation alles lösbar sein. In diesem Zusammenhang wird auch aus der Systemtheorie formuliert, dass Systeme zwar von außerhalb des Systems zu irritieren sind aber nicht direkt zu beeinflussen (S.113, letzter Absatz). Dies halte ich für “systemische Romantik/Ideologie” oder schlimmer: mangelnde Kenntnis von Unternehmensrealität. Gesetzgeber und Vertreter des Gesetzes sind jederzet in der Lage durch Gesetzesänderung und durch Anwendung von Gesetzen direkten Einfluss auf das Unternehmen oder Teile des Unternehmens zu nehmen. Banken können vergleichbar durch Mittelentzug das Unternehmen direkt beeinflussen.
Als Leser fragt man sich auch, warum eine systemische Unternehmensberatung nicht Begifflichkeiten aus der Unternemenswelt nimmt. Ich meine hier stellvertretend für viele andere Begriffe den Begriff Marketing. Im Kapitel ‘Kontextreflektion als Operatinsbasis” werden sicherlich sehr sinnvoll viele umgebende Einflüsse auf das Unternehmen sehr intensiv angesprochen. Es ist aber nichts weiter als Marketing. Ich hoffe, dass dieses von mir empfundene Manko nicht mit den “Profilen” der Autoren im Zusammnenhang steht. Nur drei von 14 Berater haben BWL studiert und nur nur drei von 14 Berater verfügen über ausgewiesene Führungserfahrung inn Unternehmen. Damit kann der Eindruck entstehen, dass die Autoren über ein Thematik sich äußern aber nicht aus der thematischen Erfahrung (Unternehmenswelt) argumentieren.
Ärgerlich finde ich das Kapitel ‘Macht als vielfältiges Beziehungsproblem’, dass sehr undifferenziert ausgebreitet wird. Vieles wird als ‘Macht oder Machtausübung der Führungskraft’ definiert, was in Wirklichkeit nichts anderes als schlechtes Benehmen der Führungskraft ist. Auf der Seite 139 findet sich beispielhaft der Satz: “Sie sprechen beurteilend, bewertend, bestrafend.” In diesem Zusammenhang fällt  dem Leser auf. dass es sich in der Regel immer um die ‘böse oder unfähige Führungskraft” handelt. Wer Führungserfahrung hat, weiss, dass Mitarbeiter sich in ihrem Verhalten nicht von Vorgesetzten unterscheiden. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob die systemischen Unternehmensberater von Königswieser & Netz nicht von gesunden Vorurteilen befallen sind.
Der Höhepunkt meiner Irritation liegt im Beispiel S. 142 Hier steht ein Satz, den ich für ein absolutes “no go” halte, weil es in meinem Lesen die Illoyalität des oder der Berater aufzeigt, die Autoren es aber wohl aus systemischer Sicht (oder Honorarsicht) für völlig in Ordnung halten . Der Leser liest: ” Die Instabilität der Geschäftsleitung zwang uns dazu, unseren eigentlichen Auftraggeber, unseren”Anker”, in der Gruppe der ersten Führungsebene (30 Personen) zu sehen und nicht in den Personen der Unternehmensspitze.”  Dienstleister als Auftragnehmer haben dem Auftraggeber loyal zu sein – oder hat sich das Rechtsempfinden als systemischer Unternehmensberater anderen Bezugspunkten zu widmen?
FAZIT: Alles in Allem ein inhaltlich vielfälltiges  und interessantes Buch, das Widerspruch und Kritik auslöst. Jeder sollte sich selbst ein Bild machen, ob er in diesem Verständnis von systemischer Unternehmensberatung eine Hilfe für sein (Teil-)Unternehmen sieht.

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